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14.10.2013

Krebsmedizin vor Paradigmenwechsel

High-Tech-Diagnostik bietet ungeahnte Chancen, verändert Therapien und fordert neue Strukturen

Wien, 11. Oktober 2013 – „Die rasante Entwicklung der Analysetechnologie eröffnet der Krebsmedizin überragende Chancen, wird aber auch zu einem kompletten Paradigmenwechsel führen“, skizziert Univ.-Prof. Hellmut Samonigg, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) im Vorfeld der Jahrestagung der deutschsprachigen Krebsspezialisten in Wien (18.-22. Oktober 2013) die Zukunft. „Die Technik hat uns diagnostische Möglichkeiten in die Hand gegeben, die man nutzen, aber auch beherrschen muss. Hämatologie und Onkologie sind aufgrund der breiten diagnostischen Möglichkeiten und der guten Verfügbarkeit von Patienteninformationen optimal für den nächsten Schritt in Richtung personalisierte Krebsbehandlung aufgestellt.“

Erstmals bewirkt IT-Entwicklung die Erschließung neuer Therapiepotenziale

So wird in der Behandlung einer spezifischen Krebserkrankung längst nicht mehr nur zwischen Frauen und Männern sowie zwischen jüngeren und älteren PatientInnen unterschieden. Auch die ethnische Herkunft kann Einfluss auf die spezielle Ausprägung des Tumors haben. Weiters spielen Komorbiditäten – also andere Erkrankungen, an denen der individuelle Patient leidet – eine maßgebliche Rolle. Und bei einigen Krebsarten können Spezialisten bereits ein genomisches Profil bestimmen. „So konnte bei akuter Leukämie das Krebs-Genom bereits komplett aufgeschlüsselt werden“, erläutert OeGHO-Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger, Universitätsklinik für Innere Medizin I, AKH Wien, „während wir bei anderen Tumoren noch am Anfang der Entschlüsselung stehen. Wir wissen aber heute, dass es vielmehr Subtypen bei den einzelnen Krebserkrankungen gibt, als noch vor wenigen Jahren vermutet. Das bedeutet, wir verfügen über so viel molekulare Information, dass wir in der Therapie wesentlich zielgerichteter vorgehen können.“

Damit müsse, so Samonigg, nicht mehr die „Schrotflinte“ der klassischen Chemotherapie angewendet werden, die viel Schlechtes, aber auch viel Gutes erwischt, sondern könnten ganz gezielt wirkende Medikamente zum Einsatz kommen. „Das ist das erste Mal“, betont er, „dass die Weiterentwicklung der Informationstechnologie neue Potenziale in der Therapie erschließt.“

„Aber: Das Wissen um die Subtypen bedeutet noch nicht, dass wir als Krebsmediziner auch wissen, wie dieser oder jener Typ am besten behandelt werden kann. Wir haben die Technologie, um die richtige Therapieentscheidung zu treffen. Aber die Entscheidung selbst nimmt uns keiner ab. Im Grunde ist es dadurch sogar noch komplexer geworden. Kein Spezialist kann alle Ansätze wissen, alle Therapieerfolge im Detail kennen und diese dem jeweiligen Tumortyp zuordnen“, zeigt Samonigg die Krux der Entwicklung auf.

Die Krebsmedizin ist daher gefordert, international unvergleichlich intensiver zusammenzuarbeiten und vor allem den Austausch über therapeutische Erfahrungen möglich zu machen. Die Lösung der Zukunft sieht der OeGHO-Präsident vereinfacht formuliert in einer grenzüberschreitenden Datenbank, in die jeder Krebsspezialist seine Befunde verknüpft mit Therapieansätzen, -erfolgen und -misserfolgen eingibt sowie im Gegenzug Erfahrungen anderer Ärzte mit vergleichbaren Fällen abfragen kann.

„In Boston existiert schon die Vorstufe einer solchen Datenbank“, ergänzt Jäger, „und sowohl staatliche Institutionen (etwa in den USA) als auch globale Software-Konzerne wie SAP oder IBM befassen sich bereits intensiv damit.“

Ungeahnte Chancen in der Therapie

„Die Chancen dieser Entwicklung sind außerordentlich groß und vielfältig“, meint Samonigg. Umso mehr man über den jeweiligen Tumor wisse und umso individueller man PatientInnen behandeln könne, desto besser seien die Therapiefortschritte. „Wir haben dann als behandelnde Ärzte mehr Therapielinien zur Verfügung und können Heilungschancen ausmachen, die uns vorher vielleicht verschlossen geblieben wären. Im Idealfall gelingt es, das Leben der PatientInnen zu verlängern, Krebs zu einer chronischen Krankheit zu machen oder sogar gänzlich zu heilen.“ Außerdem könne man durch die personalisierte Krebsmedizin schneller reagieren (z.B. auf Resistenzen), Nebenwirkungen verringern und somit die Lebensqualität für die Betroffenen steigern.

Parallel dazu birgt das auch Potenziale für die staatlichen Gesundheitssysteme: „Wir wissen viel eher, welche Therapien bei welchen PatientInnen Erfolge zeigen und welche wir gar nicht ausprobieren müssen. PatientInnen erhalten dann hoffentlich keine Medikamente mehr, die nicht wirken. Das lindert Rückschläge und spart auch Kosten.“

Große Herausforderungen an Versorgungsstruktur, internationale Zusammenarbeit und Ausbildung

„Diese Veränderungen stellen uns Krebsmediziner und unsere Gesellschaft allerdings vor große Herausforderungen“, meint Samonigg. Die Versorgungsstruktur wird zwangsläufig zentralisiert werden müssen. Denn High-Tech-Analysen wie die Genomsequenzierung werden nur an Zentren gemacht werden können. Und auch der internationale Austausch wird voraussichtlich über die Leitkliniken des jeweiligen Landes laufen.

„Weiters kommt es wahrscheinlich zu einer noch stärkeren Spezialisierung unter Ärzten, die das Fachwissen für Diagnose und Therapie unter diesen Rahmenbedingungen haben. Was wiederum entsprechende Schwerpunkte in der Ausbildung nötig macht“, so Jäger.

Neue Zulassungsprozesse nötig

Und in letzter Konsequenz wird das auch Folgen auf regulatorischer Ebene haben. So werden sich klinische Studien zur Zulassung der Therapeutika ändern (müssen). Es wird oftmals nicht mehr möglich sein, beispielsweise 2.000 PatientInnen in eine Studie einzuschließen, weil es weltweit gar nicht so viele Fälle eines vergleichbaren Subtyps gibt. „Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ist sich dieser Problematik durchaus bewusst“, führt Jäger aus, „und arbeitet an veränderten Rahmenbedingungen für Zulassungsprozesse.“

„Das Ziel muss es sein“, so Samonigg abschließend, „einem individuellen Patienten in seiner individuellen Situation die individuell beste Therapie zukommen zu lassen. Das ist der Optimalzustand der personalisierten Medizin. Dazu muss sich unsere Gesellschaft aber auch fragen: Wie stellen wir sicher, dass alle ÄrztInnen und PatientInnen in allen Ländern gleichermaßen vom Erfahrungsaustausch profitieren und Zugang zu den Erkenntnissen haben? In wessen Händen sollen die Fäden, die da zusammenlaufen, liegen? Das sind Fragen gesellschaftspolitischer Natur, die dringend zu beantworten sind.“

Die OeGHO

Die Österreichische Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) ist die Fachgesellschaft von HämatologInnen und OnkologInnen und hat sich zum Ziel gesetzt, die Betreuung von PatientInnen österreichweit an den höchsten Standard heranzuführen. Die OeGHO zählt aktuell ca. 550 Mitglieder, davon sind ein Großteil Fachärzte 
oder Fachärztinnen für Innere Medizin mit Additivfach Hämatologie und Internistische Onkologie.

Kontakt

Österreichische Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie
Walter Voitl, MBA (Geschäftsführer)
Telefon und Fax: +43 1 4789404
Mobil: +43 664 4053646
walter.voitl(at)oegho.at

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